Ich, der Berufsdemonstrant

Ich, der Berufsdemonstrant. (2011)

Als in den sechziger Jahren die Notstandsgesetze eingeführt werden sollten, wurde allerorten protestiert, fast so viel, wie später gegen die Nachrüstung. Ich war natürlich auch dagegen, obwohl ich nicht so richtig wusste, warum. Ich bin also nach Bonn zu der großen Demonstration gefahren. Da fielen mir zunächst die vielen Hippies und Gammler auf, die mir zu einer solchen Veranstal­tung völlig fehl am Platze vorkamen. Doch die meisten Demonstran­ten waren Schüler und Studenten. Sie hakten sich unter, liefen fünf Schritte vor und drei zurück und skandierten: „Ho – Ho – Hotschi­minh,“ oder : „Wir sind – eine – kleine – radikale Minderheit – ha, ha, ha,“ oder: „Mütter, holt die Kinder rein; jeder Linke ist ein Schwein.“ Ich kam mir vor wie ein Eskimo im Kölner Karneval und bin auch nie wieder bei einer Demonstration gewesen. Im Hofgarten haben wir dann die vielen Reden mit dem nötigen Beifall versehen, besonders die von Heinrich Böll. Ich aber beschloss, kein Politiker zu werden.

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