Meine Memoiren

Wilhelm Busch

Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich,
So hab' ich erstens den Gewinn,
Dass ich so hübsch bescheiden bin;

Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp' ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;

Und viertens hoff' ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Dass ich ein ganz famoses Haus
_________________________________.

Meine Memoiren.   (2013)

Eitelkeit und Geltungssucht vieler Prominenter haben eine wahre Inflation an Memoirenliteratur hervorgebracht. Ich bin nicht eitel und geltungssüchtig, nein, fast überhaupt nicht und auch nicht prominent und doch habe auch ich Memoiren geschrieben. Ich bin überzeugt, dass sie etwas ganz Besonderes sind, denn im Gegensatz zu denen der Wichtigen und Wichtigtuer beschreiben sie nur unbedeutende Begebenheiten aus meinem unbedeutenden Leben. Und noch einen wichtigen Unterschied gibt es: Sie sind nicht sechshundert Seiten lang sondern nur sechs. Es sind eigentlich auch keine Memoiren sondern nur Erinnerungsfetzen aus meiner Kindheit und Jugend.

Wir hatten einen kleinen Bauernhof in Ostpreußen unmittelbar an der polnischen Grenze. Meine Eltern stammen aus kinderreichen Bauernfamilien mit jeweils sieben und neun Kindern. Mein Großvater mütterlichseits ist schon mit fünfundvierzig Jahren gestorben. Daran ist bemerkenswert, dass er bis dahin neun Kinder gezeugt hat, das erste unehelich, aber immer mit der selben Frau. Er war auch sonst sehr tüchtig und hat aus einer kleinen Klitsche einen ansehnlichen Bauernhof geschaffen. Die Todesursache soll eine Blinddarmentzündung gewesen sein, so meine Mutter. Nach anderen Versionen, die ich für wahrscheinlicher halte, ist er beim Holzfällen verunglückt oder er war sich mit polnischen Schmugglern nicht einig und wurde im Streit erschlagen. Wer weiß das schon so genau nach über hundert Jahren. Zwischen den  Weltkriegen war mein Vater einige Jahre in den USA – als Gastarbeiter würde man heute sagen. Er kam, versehen mit einer goldenen Taschenuhr und einigem Geld, zurück, hat dann den elterlichen Hof übernommen und geheiratet. Sein Vater, mein anderer Großvater also, war ein überzeugter Nazi, wie fast alle Bauern dort. Mein Vater dagegen war im Presbyterium. Als ihm ein Posten in der NS-Bauernschaft angetragen wurde, soll er gesagt haben: „Mit denen (oder ...den Lumpen...) will ich nichts zu tun haben.“ Er wurde denunziert und hat zwei Tage eingesessen. Was mit Ihm da angestellt wurde, hat er niemandem erzählt. Er soll zu Stillschweigen verpflichtet worden sein.

Ich war schon sehr früh ein bemerkenswertes Bürschchen, weil ich bereits mit zehn Monaten mehr sprechen konnte als nur Mama und Papa; kein gutes Omen, denn Albert Einstein fing erst mit drei Jahren an zu sprechen. So ist denn auch in meinem späteren Leben nichts Bemerkenswertes mehr dazugekommen.

Als ich etwa zwei Jahre alt war, habe ich mit einigen Entenküken in einem Waschbottich mit warmer Lauge Schwimmen und Tauchen geübt. Das haben die armen Tiere nicht lange überlebt. Ich bin nicht sicher, ob diese Erinnerung echt ist oder ob ich mir nur einbilde, mich zu erinnern, denn dieser Vorfall wurde noch oft erzählt.

Etwa drei Jahre später habe ich das Perpetuum Mobile erfunden. Ich entfernte den Antriebsriemen von der Nähmaschine meiner Mutter und brachte das große Rad mit dem Tritt in schnelle Umdrehungen. Während ich so beobachtete, wie das Rad langsam auslief, hatte ich die geniale Idee, wie man es dauernd in Bewegung halten könnte: Ich zerschnitt den Gummiring von einem Einmachglas, befestigte ein Ende an dem hin und her schwingenden Tritt und das andere an der Maschine. Das sich entspannende Gummi  musste nach meiner Vermutung dem Rad soviel Schwung geben, dass es dauernd in Bewegung blieb. Das Ergebnis entsprach nicht meinen Erwartungen, aber ich brauchte nur ganz wenig nachzuhelfen, und mein Perpetuum Mobile war fast perfekt.

Tiere haben mich sehr interessiert, so wie es kaum etwas gibt, was mich nicht interessiert. Einmal fuhren wir hinaus zum Torfstechen. In einem Tümpel voller Wasserlinsen paddelten und quakten dicke, grüne Wasserfrösche. Ich hielt die Hand ins Wasser und rief: „Frosch komm, Frosch komm!“ Und tatsächlich setzte sich einer auf meine Hand. Er bemerkte schnell seinen Irrtum und tauchte ab, aber ich war so stolz und glücklich, dass ich mich noch jetzt sehr gut daran erinnern kann.

Ich ging schon zur Schule, da hat meine Mutter mich aufgeklärt, dass mir der Klapperstorch bald ein Brüderchen oder Schwesterchen bringen würde. Zwei ältere und ziemlich rüde Burschen vom Nachbarhof, denen ich stolz die Neuigkeit überbrachte, haben mich ausgelacht und mich ihrerseits über den Fall belehrt. Doch die Geschichte mit dem Klapperstorch erschien mir viel plausibler.

Als ich wieder mal bei ihnen auf dem Hof war, sagten sie zu mir: „Komm, wir zeigen dir was.“ Sie schnappten ihre kleine Schwester, warfen sie zu Boden, Rock hoch, Höschen runter. Das alles ging recht routiniert vor sich und sie nannten es „Punz besehen.“ Ich sah meine Ahnung bestätigt, dass es bei Mädchen noch mehr Unterschiede geben musste als nur in der Kleidung und in der Frisur. Enttäuscht war ich auch. Das Mädchen hatte lange Zöpfe, und von daher hatte ich auch da unten mehr erwartet.

Sie haben mir auch gezeigt, wie man einem Frosch einen Grashalm in den Hintern steckt und ihn dann aufbläst oder wie man eine dicke Kaulquappe auf das Wasser klatscht, worauf sie dann mir hängendem Gedärme fort schwimmt. Ich habe eifrig mitgemacht. Seitdem quäle ich mich mit der Frage, wie ich mich wohl verhalten hätte, wäre ich als Mitglied des „Ordens nordisch bestimmter Männer“ zum Dienst in einem KZ verpflichtet worden.

In der Schule spielten wir einmal „Das Bäumchen, das goldene Blätter haben wollte.“ Ein Mädchen war das kahle Bäumchen und wünschte sich grüne Blätter. Doch da kam die Ziege und fraß sie ab. Da wünschte es sich goldene Blätter. Doch „da kam der Jude aus dem Wald.“ Auf dieses Stichwort hin musste ich erscheinen. Ich hatte einen Sack dabei und musste möglichst rabiat alles Gold zusammen­raffen. Da  wussten alle Kinder, dass Jude ganz was Schlimmes ist.

Die NS-Frauenschaft veranstaltete eine Weihnachtsfeier. Es wurde gesungen: „Heilig Vaterland, in Gefahren deine Söhne sich um dich scharen.“ Und: „Mütter, euch sind alle Feuer, alle Flammen ange­zünd’t. Heut’ muss sich die Welt erneuern, wie ein neu geboren Kind.“ Und: "Flamme Empor!".. Dazu wurden entsprechende Reden gehalten. Nachdem wir „Oh Tannenbaum“ gesungen hatten, kam der Weihnachtsmann und verteilte an alle Kinder ein kleines Geschenk. Ein Steppke auf dem Arm seiner Mutter war damit nicht zufrieden. Er krakelte: „Opa, hast du noch mehr?“

Am zwanzigsten April hatte meine Mutter Geburtstag und mein Vater hisste die Hakenkreuzfahne. Das fand ich der Bedeutung meiner Mutter angemessen. Mir wurde aber erklärt, dass es zu Ehren des Führers geschah, der auch an diesem Tag Geburtstag hatte. Es könnte sogar sein fünfzigster gewesen sein. Das alles sagte mir nichts, doch wie die Leute von ihm sprachen, musste das so eine Art Lieber Gott sein.

Es war Ende 1944. Die Front rückte näher und man konnte schon fernen Geschützdonner hören. Wir hätten schon längst flüchten müssen, durften aber nicht. Stattdessen wurde mein Vater zum Volkssturm eingezogen und meine Mutter stand mit ihren drei Kleinen und den fast achtzigjährigen Schwiegereltern alleine da. Mein Großvater saß vor dem Volksempfänger und glaubte an den Endsieg, den Goebbels wieder einmal verkündete und der Dank der neuen V-Waffen unausweichlich war. Meine Großmutter erklärte den Opa und alle Nazis für verrückt. Da sagte mein  Großvater: „Bei Gott, Alte, ich zeige dich an!“ Das ganze Wortgefecht wurde auf polnisch geführt. Untereinander sprachen sie meist polnisch, besonders wenn sie stritten und sie stritten oft. Später, als wir schon länger im Westen waren und mein Großvater langsam dahinsiechte, seufzte meine Großmutter: „Mächt der alte Däiwel doch stärben!“. Ihr größter Wunsch, nicht auch einmal so elend und langsam sterben zu müssen, ging in Erfüllung. Eines Morgens stieg sie aus dem Bett, fiel um und war tot.

Als wir die Sachen packen mussten, ließ mein Vater den Volkssturm Volkssturm sein und wir fuhren los. Vorher gab es noch eine heftige Auseinandersetzung mit dem Ortsgruppenleiter, der etwas von Fahnenflucht und Kriegsgericht faselte, bis ihn mein Vater mit vorgehaltener Pistole von seiner Sicht der Dinge überzeugte. Wir kamen  nicht weit und hatten viel Glück, dass wir in einem abgelegenen Winkel hinter den masurischen Seen stecken blieben, so dass wir von der Front zwar eingeholt, aber nicht überrollt wurden. Kontakt mit den Russen hatten wir erst, als die Front schon viel weiter im Westen war oder der Krieg war da schon zu Ende und ihr erster Rachedurst war gestillt. Sie jubelten: „Chidlär kapuut!“, waren scharf auf „Uhri, Uhri“ (Armbanduhren) und machten Jagt auf Frauen und Mädchen. Meine Mutter haben sie nicht erwischt. Wenn es ernst wurde, nahm sie meinen kleinen Bruder und legte ihn an die Brust. Er war da schon älter als ein Jahr, doch geholfen hat es immer. Mein Vater und andere wurden bald ver­schleppt. Ich war mir ganz sicher, dass ich ihn nie mehr wieder sehen würde und habe schrecklich geweint.

Es dauerte nicht lange und es rückten Polen nach. Wir lebten mit einigen anderen Familien auf einem großen Rittergut an dem sie kein Interesse hatten und so wurden wir nicht vertrieben. Wir wurden aber von ihnen laufend überfallen und ausgeraubt. Einmal wollte eine Polin den Schal meiner Mutter an sich reißen. Meine Mutter hat sich gewehrt und ihr eine gescheuert, worauf die Polin verschwand. Meine Mutter ebenfalls, denn gleich darauf kam die Frau mit einigen Männern zurück und einer schrie: „Wo ist die deutsche Hure, die meine Frau geschlagen hat?“

Einmal wurde meine Mutter, eine ausgebildete Krankenschwester, in das Nachbardorf gerufen, wo sie ein junges Mädchen von den Folgen einer Vergewaltigung entbinden sollte. Auf dem Rückweg begegnete ihr eine Gruppe russischer Soldaten. Das Gelände war offen und eine Flucht zwecklos. Es wäre wohl auf eine mehrfache Vergewaltigung  hinausgelaufen, doch frech und clever erzählte sie ihnen was von der „Kommandantura“, die in dem Ort einquartiert war und bei der sie angeblich beschäftigt wäre. Da wagten sie es nicht, sich an dem Privateigentum Ihrer Vorgesetzten zu vergreifen.

Es war inzwischen Winter 1945/46 geworden und wir wären wohl auf Dauer dort geblieben, wenn uns nicht meine Mutter mit Zlotys und Naturalien Ausreisepapiere beschafft hätte. Eines schönen Tages saßen wir zusammengekauert in einer Ecke des allensteiner Wartesaales und warteten stundenlang auf den Zug. Ich kann mich noch gut an das riesige, hell angestrahlte Bild Stalins erinnern, das fast die halbe Wand einnahm. Als endlich der Zug kam und wir durch die Sperre gehen wollten, erklärte der Diensthabende unsere Papiere für ungültig. Meine Großmutter fing an, laut zu lamentieren, doch meine Mutter hat die Gültigkeit mit einigen Zlotys wieder hergestellt. Vielleicht hat es auch noch geholfen, dass meine Großmutter polnisch lamentierte.

Der Zug hatte Güterwagen mit beidseitigen Schiebetüren. Die Leute stiegen auf der einen Seite ein und wurden von Polen empfangen, die das Gepäck an sich rissen und es auf der anderen Seite hinauswarfen. Überall war großes Geschrei und Gejammere. Wir hatten wieder mal Glück. Mit  uns stieg ein uniformierter Pole ein. Er verscheuchte alle, die uns in Allenstein und den folgenden Stationen ausrauben wollten..

Unsere Fahrt in den Westen dauerte mit vielen Unterbrechungen etwa zwei Wochen. Wir mussten an zerstörten Brücken und Bahnhöfen öfters warten und umsteigen. Einmal war der Zug bereits brechend voll und es gab keine Chance zum Zusteigen. Da entdeckte meine Mutter ein leeres Bremserhäuschen, wie es damals an älteren Güterwagen noch üblich war. Für uns sechs Personen war darin natürlich für alle kein Platz. Ich habe daher eine ganze Nacht angebunden auf der Treppe sitzend dort zugebracht. Auch an menschliche Solidarität kann ich mich erinnern. Als wir einmal verfroren auf einem Bahnsteig hockten, bot uns ein Bahnbeamter an, eine Nacht in seinem Dienstraum zu verbringen. Dort stand ein „Kanonenofen“ und es war es herrlich warm. Meine Mutter konnte etwas kochen und wir konnten uns endlich einmal eine Nacht lang ausschlafen.

Unser Ziel war ein Dorf bei Köln, wo wir Verwandte hatten. Nach vielen qualvollen Tagen waren wir endlich am Ziel. Unterwegs haben wir Kinder vor Hunger geweint und an halb verschimmelten Brotkrusten genagt, bis auch die aufgegessen waren. Das war eine Lektion für mein ganzes Leben. Noch heute scheue ich mich davor, etwas  Essbares wegzuwerfen oder verkommen zu lassen.

Da wir ein festes Ziel hatten, mussten wir nicht in ein Lager, um später irgendwo in eine Unterkunft eingewiesen zu werden, die die Eigentümer mehr oder weniger freiwillig zur Verfügung zu stellen hatten. Fast alles war da schon mit ausgebombten Familien belegt. Schon diese hatten unter den Gehässigkeiten mancher der Eingeborenen zu leiden: „Bombenweiber!“ Das wurde natürlich nicht besser, als noch haufenweise Flüchtlinge und Vertriebene dazu kamen: "Rucksackdeutsche!" "Letztes Haus an Grenze." "Was habt ihr denn verbrochen, dass sie euch nicht da haben wollten?" Und dergleichen Sprüche mehr. Ich kann aus eigener Anschauung eine typische Begebenheit schildern: Nach unserer Ankunft kam eine ältere Cousine mit ihrer Mutter in den Ort und war bald mit einem einheimischen jungen Mann befreundet. Dieses Mädchen war sehr tüchtig, hatte einen angenehmen Charakter und war außerdem noch recht attraktiv; eine ideale Schwiegertochter also. Doch die Mutter des Jünglings behan­delte sie so, als ob sie asozial wäre. Sie schärfte ihrem Sohn ein: „Ein Flüchtlingsmädchen kommt mir nicht ins Haus!“ Der Sohn war ein Muttersöhnchen und die Freundschaft ging in die Brüche.

Ich ging wieder auf die Schule, Volksschule nannte sich das damals. In dem ersten Diktat habe ich an die vierzig Fehler gemacht. Doch ich habe schnell aufgeholt und war bald einer der Besten. Hatten wir Rechnen, mussten zum Schluss alle aufstehen. Der Lehrer stellte eine Aufgabe und wer zuerst die Lösung nennen konnte, durfte sich setzen. So sehr ich mich auch anstrengte, ich wurde meistens nur zweiter oder dritter Sieger. Fast immer war ein Mädchen die Erste. Sie war auch sonst ganz toll und ich habe mich in sie verliebt, obwohl ich da erst zehn oder elf Jahre alt war. Zu der Zeit war ich noch fromm und habe jeden Abend das Vater Unser gebetet: „ ....... denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Und gib, dass die Christa meine Frau wird. Amen!“ Doch wurde ich der Christa schon bald untreu. Die Barbara war nun mein Schwarm. Ich habe ihr lange Jahre die Treue gehalten. Doch was nützt die größte Treue, wenn die Gute  nicht einmal weiß, dass es einen gibt, der ihr treu ist.

Mit dreizehn Jahren wechselte ich auf ein „Gymnasium in Aufbauform für Jungen.“, obwohl in jeder Klasse auch einige Mädchen waren. Hier startete nach ungefähr einem Jahr eine große, offizielle Aufklärungsaktion. Alle Jungen versammelten sich in der Aula und ein fremder, älterer Herr hielt einen Vortrag. Er erzählte uns, dass Onanieren schädlich sei und dass man warten sollte, bis nächtliche Pollutionen einem Erleichterung verschaffen usw. usw. Von anderer Seite hörte ich noch was von Rückenmarkschwund munkeln und noch so mancherlei. Ich war schon immer ein introvertierter Einzelgänger. Nun kam noch die Sorge um mein Rückenmark dazu und ich wurde völlig verklemmt und neurotisch. Erst heute bin ich so ziemlich darüber hinweg, doch damals war das schlimm. Das wirkte ich so aus, dass meine schulischen Leistungen nachließen und ich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit rot wurde, besonders natürlich in Gegenwart von Mädchen. Das provozierten einige aus meiner Klasse immer wieder und hatten ihren Spaß daran. Für mich aber war die ganze Schulzeit ein Horror.

Während der großen Ferien  kurz nach der Währungsreform habe ich mir auf einem großen Bauernhof etwas Taschengeld verdient. Die Arbeit war sehr schwer, und ich hatte am Ende der Ferien pro Tag etwas mehr als eine Mark verdient. Einmal in den Weihnachtsferien habe ich meinem Onkel beim Holzfällen geholfen. Es war Anfang Januar. Morgens ganz früh sind wir acht Kilometer zu einer Bahnstation gegangen. Es folgten ca. 20 Kilometer Bahnfahrt und ein weiterer Fußweg von zwei Kilometern bis wir an unserer Arbeitsstelle waren. Abends dann der gleiche Weg zurück. Es war schon stockdunkel und es herrschte Schneetreiben. Da bin ich von einem Auto angefahren worden und habe anschließend fünf Monate im Streckverband gelegen und acht Monate in auf dem Gymnasium gefehlt. Ein Gutes hatte der Unfall aber doch: Ich wurde zurückgesetzt und kam in eine Klasse mit angenehmeren Schulkame­raden

Heute hört man viel von den unmöglichen Zuständen, die in den Schulen herrschen. Da möchte ich mal meinen ersten Schultag in der neuen Klasse schildern. Ich öffnete also während des Lateinunterrichts die Klassentüre und stand vor der Rückwand des Klassenschranks. Dahinter hörte ich Lärm, und der Lehrer schrie: „Wo ist mein Cäsar? Wo ist mein Cäsar?“ Der Schrank wurde wieder zur Seite geschoben und ich sah, wie zwei Aktivisten versuchten, den Lehrer auf einer zusammengerollten Landkarte reiten zu lassen. Ich versichere, dass ich nichts übertrieben habe. Allerdings muss ich sagen, dass es bei allen anderen Lehrern sehr diszipliniert zuging. Dieser eine Lehrer war ein gutmütiger Mensch, aber ein absoluter Trottel, und das wurde in allen Klassen ausgenutzt. Er konnte einem Leid tun. Unsere Rüpeleien waren aber im Gegensatz zu heute die große Ausnahme und nicht von der oft gefährlichen Bösartigkeit, über die heute allenthalben berichtet wird.

Ich flüchtete von dem Gymnasium mit dem „Zeugnis der Mittleren Reife, um ins praktische Leben einzutreten.“ Das war eine Lehre als Elektriker in einer Metallwarenfabrik. Der Meister wollte mir gleich demonstrieren, dass Lehrjahre keine Herrenjahre sind und ich musste schon am ersten Tag unter einer Maschine liegend einen Motor losschrauben. Dort lag etwas öliger Dreck, und ich habe keine Gelegenheit ausgelassen, mich möglichst stark zu beschmutzen und habe auch noch künstlich nachgeholfen. Anschließend habe ich mich über die Bemerkungen und vorwurfsvollen Blicke gefreut, die meinen Meister trafen.

In einer Mittagspause kam in den Aufenthaltsraum ein älterer Kollege mit einer Schnapsflasche. Seine Frau hatte kurz bevor er in Rente ging noch ein Kind bekommen. Das Ereignis musste begossen werden. Dieser Mann war katholisch. Mein Meister stand den Zeugen Jehovas nahe und beide waren fanatisch, wie das bei den meisten gläubigen Menschen so üblich ist. Beflügelt durch den Schnaps entwickelte sich eine heftige Debatte um die Ursachen der Reformation. Der Alte sagte: „Der Luther hat die Reformation gemacht, weil er eine Nonne dick gemacht hat.“ Mein Meister hielt dagegen: „Der Luther hat die Reformation gemacht, weil der Papst mit seiner eigenen Tochter gehurt hat.“ Und auf dem Niveau ging es dann weiter. Wenn es um Wirtschaft oder Politik ging, waren die Debatten auch nicht viel besser.

Ein anderer erzählte von seinen vielen Kriegserlebnissen. Er war in Jugosla­wien bei einer Transportkolonne und ein Fahrzeug fuhr auf eine Mine: „ .... dann wir in’t nächste Dorp erinn, hann uns paar Kerle kreegen und hann se upjehangen.“ Über alle meine Arbeitskollegen kann ich aber sagen, dass sie durchweg anständiger waren, als viele meiner ehemaligen Schulkollegen. Gegen das Gymnasium war die Lehre eine Erholung.

Alle Mädchen waren für mich höhere Wesen, Engel ohne Flügel, ohne animalische Instinkte und Bedürfnisse. Sehr spät, da war ich schon fast dreißig, wurde ich eines Besseren belehrt. Seitdem bin ich verheiratet, nicht geschieden und habe eine Familie mit drei inzwischen erwachsenen Kindern. Mehrfacher Großvater bin ich auch schon aber kein guter Ehemann, eher ein verhinderter Junggeselle, denn immer noch bin ich ein Einzelgänger und fühle mich am wohlsten, wenn ich alleine bin. Da spricht mir der gute Arthur Schopenhauer aus der Seele: „Ganz er selbst zu sein darf jeder nur, solange er allein ist: Wer also nicht die Einsamkeit liebt, der liebt auch nicht die Freiheit: Denn nur wenn man allein ist, ist man frei.“

Als in den sechziger Jahren die Notstandsgesetze eingeführt werden sollten, wurde allerorten protestiert. Ich war natürlich auch dagegen, obwohl ich nicht so richtig wusste warum. Ich bin also nach Bonn zu der großen Protestveranstaltung gefahren. Da fielen mir zunächst die vielen Hippies und Gammler auf, die mir zu einer solchen Veranstal­tung völlig fehl am Platze vorkamen. Doch die meisten Demonstran­ten waren Schüler und Studenten. Sie hakten sich unter, liefen fünf Schritte vor und drei zurück und skandierten: „Ho – Ho – Hotschi­minh“, oder : „Wir sind – eine – kleine – radikale Minderheit – ha, ha, ha,“ oder: „Mütter, holt die Kinder rein; jeder Linke ist ein Schwein.“ Ich kam mir vor wie ein Eskimo im Kölner Karneval. Im Hofgarten haben wir dann die vielen Reden mit dem nötigen Beifall versehen, besonders die von Heinrich Böll. Ich aber beschloss, kein Politiker zu werden.

Als Elektrikerlehrling war ich ganz gut und ich konnte schon nach zweieinhalb Jahren die Gesellenprüfung ablegen, obwohl die reguläre Lehrzeit dreieinhalb Jahre betrug. Das deshalb, weil mein Meister oft und lange krank war und ich dann der einzige Elektriker in dem Betrieb war. Ich habe dann einige Male die Firmen gewechselt, bis Heirat und die Pflichten eines Familienvaters meinem Freiheits- und Bewegungsdrang vorerst ein Ende setzten. Um so mehr hasste ich den stupiden Alltagstrott und die Reglemen­tierungen, denen sich kein Arbeiter entziehen kann. Daher habe ich einen Technikerlehrgang besucht. Nach drei Jahren Wochenendkurs und einem halben Jahr Vollzeitunterricht war ich „Staatlich geprüfter Techniker“ und habe mich als Steuerungsbauer selbstständig gemacht.

Aus der Zusammenarbeit mit einem mittelständischen Maschinen­bauer ergab sich für mich eine sehr interessante Tätigkeit. Nach den Vorgaben des Endkunden habe ich für automatisierte Transportein­richtungen elektrische Steuerungen geplant, gebaut und meist auch in Betrieb genommen. Nach jeder Abnahme durch den Kunden gab es einige Arbeitslose mehr in Deutschland.

Nachdem einige meiner Steuerungen erfolgreich in Betrieb waren, wurden mir größere Aufträge in Aussicht gestellt, die von einem Mann nicht zu schaffen waren; ich sollte also meine Firma vergrö­ßern. Ich tat sehr erfreut, dachte aber im Traum nicht daran und war um Ausreden nie verlegen.

Ich hatte natürlich meine Termine und Verpflichtungen, konnte aber meine Arbeits-  und meine Freizeit in diesem Rahmen frei planen, d.h. ich konnte anfangen und aufhören zu arbeiten, wie es mir gerade passte. Das galt auch für meine Urlaubsplanung und es konnte mir keiner Anweisungen geben. Besonders das Letzte war für mich immer entscheidend wichtig. Mein Geschäft lief ganz gut, und weshalb sollte ich meine relative Freiheit der Sorge und Verantwortung für Mitarbeiter opfern? Selbst wenn Aufträge kurze Zeit ausblieben, habe ich das eher genossen, als mir Sorgen gemacht. Wie anders wäre es gewesen, hätte ich Leute beschäftigt.

Ich bin nun schon lange Rentner. Die große Freiheit, von der ich immer geträumt habe, will sich nicht so recht einstellen. Wo früher die Stempeluhr, die Termine und die Familie bremsten, ist es nun schlicht das Alter mit seinen  Zipperlein und Gebresten, als da sind Bypass, Diabetes und, und, und.  Doch so lange der Kopf noch intakt ist, will ich das nutzen.

Das war MEIN LEBEN.

 

 

 

 

 

 

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