Atomkraftwerke und das menschliche Ermessen

Atomkraftwerke und das menschliche Ermessen.   (2011)

An der Debatte um den Ausstieg aus der Kernenergie habe ich mich in der Kölnischen Rundschau vom 12.06.01 mit einem längeren Leserbrief beteiligt. Was damals der aktuelle Anlass war, weiß ich nicht mehr, wahrscheinlich aber Krawalle in Brockdorf.

Unsere Regierung hielt die deutschen Atomkraftwerke für so sicher, dass sie die vorgesehene maximale Betriebsdauer verlängern wollte. Doch dann passierte Fukushima, und unsere Kraftwerke konnten entsprechend der aktuellen Stimmung gar nicht schnell genug vom Netz genommen werden, als ob der unverantwortliche Leichtsinn japanischer Techniker die Sicherheit deutscher Atomkraftwerke beeinträchtigt. Das war geschehen: Durch ein starkes Erdbeben wurden alle Meiler von Fukushima automatisch abgeschaltet. Da auch die externe Stromversorgung ausfiel, liefen die Notstromdiesel an, um die Kühlung der Reaktoren zu sichern. Doch da rollte ein riesiger 20m oder noch höherer Tsunami heran. Die Notstromdiesel soffen ab, die Reaktoren hatten keine Kühlung und der maximale Gau war da. In Japan ist bekannt, dass es bis zu 30m hohe Tsunamis gegeben hat. Da kann ich nur den Kopf darüber schütteln, dass man in Fukushima eine solche Welle offenbar überhaupt nicht in Betracht gesogen hat, statt die Notstromdiesel in unüberflutbaren Räumen unterzubringen, z.B. auf den Dächern der Reaktorgebäude. Jedenfalls haben abgesoffene japanische Notstromdiesel nichts mit der Sicherheit deutscher Atomkraftwerke zu tun. Die Reaktion der Regierung und der Mehrheit der deutschen Bevölkerung auf Fukushima ist nicht rational sondern hysterisch.       Trotz der Ereignisse in Japan hat mein Brief seine Aktualität erhalten.

Ich bin gegen den Ausstieg aus der Kernenergie. Doch dazu müssten zukünftige Atomkraftwerke meinen Sicherheitsvorstellungen entspre­chen. Die heutigen Atomkraftwerke waren entsprechend den plausi­blen Berechnungen der Techniker „nach menschlichem Ermessen“ sicher, bis der Gau von Harrisburg und der Supergau von Tschernobyl bewiesen, dass man sich auf das menschliche Ermessen nicht allzu sehr verlassen sollte. Es kommt nun noch ein gravierendes Risiko hinzu, das ich nicht für einen Alptraum sondern für durchaus real halte: Die „Heiligen Krieger“ vom Schlage eines Bin Laden könnten schon bald in den Besitz, wenn schon keiner „Heiligen islamischen Atombombe“, so doch in den Besitz von „Heiligen Cruise-Missiles“ oder Raketen gelangen, die es nach dem heutigen Stand der Technik ermöglichen in einem „Heiligen islamischen Krieg“ gegen die Ungläubigen jedes Ziel auf den Meter genau zu treffen. (Als ich meinen Brief geschrieben habe, reichte meine Phantasie nicht aus, um Cruise Missiles aus Fleisch und Blut in Erwägung zu ziehen.)

Nun stelle man sich die Katastrophe vor, wenn z.B. das Atom-Ei von Biblis von solchen Geschossen getroffen wird. Ich kann dazu nur sagen, die Behauptung, unsere Atomkraftwerke seien sicher, ist lachhaft, wenn sie nicht so unverantwortlich wäre.

Nun mein Vorschlag: Im Urlaub in Norwegen habe ich das SIMA-Wasserkraftwerk besucht, 700m tief im Fels in einer beeindruckenden Halle von 200m Länge, 40 m Breite und 20m Höhe. Die Leistung der Turbinen entspricht mit gut 1000 MW der eines modernen Atomkraftwerkes. Seitdem frage ich mich: Weshalb setzt man diese verletzlichen Atom-Eier einfach so in die Gegend, statt den heißen Teil der Anlage (den Reaktor und die zu seinem Betrieb unmittelbar erforderlichen Pumpen und Leitungen) ebenfalls in einer Kaverne  unterzubringen, deren Größe zudem nur ein Bruchteil der SIMA-Anlage haben würde. Auch die Entsorgung könnte gleich mit gelöst werden. Ich stelle mir das so vor:

Genau unter dem Reaktor müsste ein Schacht von 4 bis 5m Durch­messer und einer Tiefe von etwa 500m bis 1000m bis auf das Urgestein abgeteuft werden, ähnlich wie er zu Hunderten im Kohlenbergbau existiert. Dieser Schacht müsste mit Wasser gefüllt werden. Bis zum Ende der Gebrauchsdauer des Reaktors nach etwa 30 bis 50 Jahren könnten in der Tiefe des Schachtes die bis dahin verbrauchten Brennstäbe zwischengelagert werden. Der Schacht dient somit auch als Abklingbecken mit zusätzlicher Sicherheit gegen ein Verdampfen des Wassers, Dann könnte der alte Reaktor mitsamt dem verbrauchten Kern auf den Schachtboden abgelassen und mit einigen 10 Metern Sand abgedeckt werden. Nun passiert wahrscheinlich Folgendes: Der Reaktor erzeugt auch nach der Abschaltung eine gewaltige und durch nichts zu bremsende Wärme, die sog. Nachwärme, was das größte Problem der Kernkraft nach der Radioaktivität ist. Diese Wärmeleistung beträgt bei einem alten Reaktor in der ersten Zeit nach der Abschaltung ca. 5% der thermischen Nennleistung, das sind etwa 150.000 kW, der Energiebe­darf einer mittleren Stadt. Diese enorme Leistung wird den Reaktor und den in und unter ihm lagernden sehr heißen Atomschrott erhitzen, bis das Wasser im Sand über dem Atomschrott verdrängt ist und somit kein Wärmetausch mit der Wassersäule im Schacht stattfindet. Die Hitze wird weiter steigen, bis der Atomschrott zu schmelzen beginnt und auch das umgebende Urgestein, und das ganze radioaktive Material, weil schwerer als das geschmolzene Gestein, wird immer weiter in Richtung Erdmittelpunkt absinken. Endlager perfekt, Entsorgung ade.

Ein solchermaßen entsorgter Reaktor könnte dann noch mehrere Male durch einen neuen ersetzt werden. Die Kosten für die Unterbringung in einer Kaverne sind wahrscheinlich wohl kaum größer als die für ein konventionelles Kernkraftwerk, erst recht, wenn man die laufende Entsorgung und den späteren Abbau der Anlage berücksichtigt. Rechnet man jedoch mit einer mehrfachen Erneuerung, dürfte die  Stromerzeugung ganz erheblich billiger werden als bisher.

Im Falle eines Gau könnte man ein Durchschmelzen des Reaktorbodens in Kauf nehmen. Der Kern würde sich dann in flüssiger Form auf den Boden des Schachtes verabschieden und das Reaktorgehäuse könnte ihm dann zu gegebener Zeit folgen. Eventuell wäre auch als letzte Maßnahme ein kontrolliertes Versenken des noch heilen und durch konstruktive Maßnahmen entsprechend vorbereiteten Reaktors zu diskutieren. Der Gau wäre dann immer noch ein großes Unglück aber keine Katastrophe. Einer solchen Anlage könnte auch Bin Laden & Co. selbst mit einer Atombombe nichts anhaben. Auch wären wir gegen die Überforderung oder Trotteligkeit des Bedienungspersonals und gegen Fehler der automatischen Steuerung weitgehend geschützt, ebenso gegen die Sabotage durchgeknallter Personen. Nach meinem menschlichen Ermessen würde eine solche Anlage das bisherige menschliche Ermessen bezüglich der Sicherheit weit übertreffen. Ich weiß, hier lässt ein Techniker seiner Phantasie freien Lauf. Aber ist es wirklich nur Spinnerei, was ich hier vorschlage?

Besucherzähler 2781