Die eigene Meinung

Die eigene Meinung.   (2006)

Im Tierreich und auch bei Menschen gibt es die Prägung, ein Begriff aus der Verhaltensbiologie. Die Prägung ist bei allen Nestflüchtern  besonders stark ausgeprägt. Bei diesen Vögeln besteht sie darin, dass ein frisch geschlüpftes Küken das erste Objekt fixiert, das sich in ihrer Nähe bewegt und dann – wenn man so will – sich seine eigene, artgerechte Meinung darüber bildet: Das ist meine Mutter, der ich blindlings folgen muss, um zu überleben. (Näheres bei Konrad Lorenz u.a.)

Bei Menschen sagt man z.B., dass jemand von seinen Kriegserlebnissen oder anderen überstandenen Katastrophen für sein ganzes weiteres Leben geprägt wurde. Mit Prägung ist hier die Erinnerung an ein bedeutendes Ereignis und die daraus gezogenen Folgerungen gemeint. Die echte Prägung zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass sie dem Geprägten nicht bewusst ist. Je jünger der Mensch ist, um so offener aber auch anfälliger ist er für Prägungen. Im besten  Fall besteht eine der möglichen Prägungen aus einer guten Erziehung in einer intakten Familie, im schlimmsten Fall besteht sie darin, dass totalitäre Mächte der Kinder habhaft werden, um sie dann entsprechend ihren Anschauungen zu indoktrinieren. Ein ganz übles Beispiel sind die Grundschulen in islamischen Ländern, wo Geschichte gefälscht, Kinder zum Hass gegen Israel und den Westen erzogen werden und viel zu viel Zeit mit Auswendiglernen von Koranversen verbracht wird.

Auch bei uns werden Kinder mit stark religiös oder weltanschaulich ausgerichteten Einrichtungen  indoktriniert. Sie mögen zwar gläubige Menschen hervorbringen, aber meist keine, deren Horizont später über die hier gezogenen Grenzen hinausreicht. Es ist letztlich der Zweck dieser Einrichtungen, Verstand und Urteilsvermögen durch Glauben zu ersetzen. Vor diesem Hintergrund ist daher auch der Eifer der katholischen Kirche verständlich, mit dem sie überall, wo es sich eben machen lässt, auf konfessionellen Kindergärten und Schulen besteht.

Alle Menschen, die behaupten, zu irgendwelchen Problemen und Anschauungen eine vorurteilsfreie eigene Meinung zu haben, wissen nur nicht, wie sehr sie in ihrer Kindheit und Jugend von ihrem Elternhaus, ihrem sozialen Umfeld und ihrer schulischen und sonstigen Ausbildung geprägt worden sind. Das gilt besonders für die vielfach zu beobachtende, quasi ererbte Präferenz für politische Richtungen und noch viel extremer für religiöse Standpunkte. Man sollte also immer skeptisch sein, was an der eigenen Meinung wirklich eigen ist und was nur vorgeprägte Denkmuster sind. Man sollte versuchen, das zu durchschauen und sich nicht scheuen, Meinungen und Ansichten fallen zu lassen, wenn sie sich als falsch erwiesen haben. Diesbezüglich äußerte sich Adenauer mit der ihm eigenen Souveränität: „Was kümmert mich mein Geschwätz von Gestern!“ Doch leider gleichen fast alle von sich selbst überzeugten Menschen dem Gänschen, das hinter seiner Mutter hinterherläuft.

"Die Gedanken sind frei ---" heißt es in einem schönen, alten Lied. Schön wär's, wenn es denn stimmte!  Wie ich oben ausgeführt habe, sieht die Wirklichkeit leider anders aus. Prinzipiell kann sich menschliches Denken in jede Richtung bewegen; es ist gewissermaßen dreidimensional  Die "Kunst" jeder erfolgreichen Religion oder Ideologie besteht darin, dass es gelingt, die Freiheit des Denkens zu tunneln, d.h. eindimensional in die gewünschte Richtung zu lenken und sie gleichzeitig von allen unerwünschten Einflüssen fern zu halten. Immerhin hat man in diesem Tunnel in den Grenzen der vorgegebenen Richtung noch eine gewisse Bewegungsfreiheit. Fundamentalisten jedweder Couleur gewähren den Menschen selbst diese eingeschränkte Bewegungsfreiheit nicht und zwängen sie in ihre enge Ideologieröhre. Bei diesem Bemühen haben Islamisten  oder ultraorthodoxe Juden und Christen die Grenzen zum Irrsinn teilweise deutlich überschritten. Doch wie man sieht, kann auch Irrsinn erfolgreich sein.

Weltanschaulich gefestigte Menschen werden von sich behaupten, von ihrem Glauben und sonstigen Ansichten überzeugt zu sein und eine eigene Meinung davon zu haben. Doch selbst der Papst und seine treuesten Bischöfe würden  prächtige Ayatollahs abgeben, wären sie im Iran geboren und unter Iranern aufgewachsen. Was man also glaubt und als eigene Meinung beansprucht, ist überragend stark von dem Ort abhängig, an dem man zufällig geboren wurde.
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