Die eigene Meinung

Die eigene Meinung.   (2006)

Ich habe ein Buch des Verhaltensforschers Konrad Lorenz gelesen, in dem er das Verhalten von Graugänsen beschreibt. Besonders interessant fand ich die Geschichte mit dem frisch geschlüpften Küken: Es fixiert das erste Objekt, das sich in seiner Nähe bewegt oder bewegt wird und merkt sich das Bild. Von dem Augenblick an hat es seine eigene Meinung davon, nämlich: Das ist meine Mutter, die mich beschützt und der ich blindlings folgen muss, wenn ich überleben will. Diese Meinung wird es nicht ändern, selbst wenn das zuerst gesehene Objekt ein Mensch oder auch nur ein alter Schuh ist. Dieser Vorgang ist ein vererbtes Verhaltensmuster bei allen Nestflüchtern und heißt „Prägung“.

Auch bei Menschen gibt es die Prägung, wenn auch nicht in dieser primitiven Form. Es gibt da viele sich überlagernde Prägungen und sie sind über einen längeren Zeitraum möglich. Doch kann man sagen, dass fast immer mit dem Ende der Jugend auch das Ende der Prägungen gekommen ist und dass der Mensch bis zum Ende seines Lebens mit seinen Prägungen leben wird.

Man sagt zwar, dass ein erwachsener Mensch für sein ganzes späteres Leben z.B. von den Ereignissen des Krieges geprägt wurde und meint damit, dass er anders reden, denken und handeln würde, hätte es seine Kriegserlebnisse nicht gegeben. Prägung meint hier die Erinnerung an ein bedeutendes Ereignis, wovon man selbst betroffen war, und die daraus gezogenen Folgerungen für künftiges Handeln und Verhalten.

Die echte Prägung zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass sie dem Geprägten nicht bewusst ist. Je jünger der Mensch ist, um so offener aber auch anfälliger ist er für Prägungen. Im günstigsten Fall besteht eine der möglichen Prägungen aus einer guten Erziehung in einer intakten Familie, im schlimmsten Fall besteht sie darin, dass totalitäre Mächte der Kinder habhaft werden und sie dann entsprechend ihren Anschauungen zu indoktrinieren. Ich denke da an die Hitlerjugend, die Jungen Pioniere und ähnliche Organisationen. Dazu gehören auch stark religiös oder weltanschaulich ausgerichtete Einrichtungen frühkindlicher Erziehung, z.B. Koranschulen oder konfessionell betriebene Kindergärten und Grundschulen. Sie mögen zwar gläubige Menschen hervorbringen, aber meist keine toleranten und meist auch nicht solche, deren Horizont später über die hier gezogenen Grenzen hinausreicht. Es ist letztlich der Zweck dieser Einrichtungen, Verstand und Urteilsvermögen durch Glauben zu ersetzen. Vor diesem Hintergrund ist daher auch der Eifer der katholischen Kirche verständlich, mit dem sie überall, wo es sich eben machen lässt, auf konfessionellen Kindergärten und Schulen besteht. Martin Luther sagte es ganz unverblümt: „Gerade aus diesem Grund müssen Kinder getauft werden, weil sie noch keine Vernunft haben, und weil je weniger Vernunft, um so größer die Empfänglichkeit für den Glauben.“

Da lese ich  z.B., dass in Ägypten, die Hälfte der Schulzeit für den Koranunterricht entwendet wird und wahrscheinlich noch viel mehr in Ländern, die besonders stark vom Islam verdunkelt sind. Wenn ich dann die Bilder von Zusammenrottungen fanatisierter Männer sehe, denen der Irrsinn aus den Augen strahlt beim Verbrennen von Fahnen oder bei ihren Attacken auf Botschaften, weiß ich, dass sie als Kinder indoktriniert wurden und dann als Marionetten am Gängelband der Strippenzieher ihrer  Religion hängen. Nicht zuletzt ist das auch der Grund dafür, dass diese Leute mit Leichtigkeit für alle Verbrechen im Namen Allahs rekrutiert werden konnten und immer noch rekrutiert werden.

Die meisten Frommen und anderweitig weltanschaulich gefestigte Menschen werden von sich behaupten, von ihrem Glauben und sonstigen Ansichten überzeugt zu sein und eine eigene Meinung davon zu haben. Doch selbst der Papst und seine treuesten Bischöfe würden voller Überzeugung prächtige Ayatollahs abgeben, wären sie im Iran geboren und aufgewachsen.

Alle Menschen, die behaupten, zu irgend welchen Problemen und Anschauungen eine vorurteilsfreie eigene Meinung zu haben, wissen nur nicht, wie sehr sie in ihrer Kindheit und Jugend von ihrem Elternhaus, ihrem sozialen Umfeld und ihrer schulischen und sonstigen Ausbildung geprägt worden sind. Das gilt besonders für die vielfach zu beobachtende, quasi ererbte Präferenz für politische Richtungen und noch viel extremer für religiöse Standpunkte. Das führt bei vielen Moslems und anderen Fundamentalisten dazu, dass Verstand, Anstand und Gewissen vergessen werden. Man sollte also immer skeptisch sein, was an der eigenen Meinung wirklich eigen ist und was nur vorgeprägte Denkmuster sind. (Schon Wilhelm Busch "merkte mit Verdruss: Es kann doch unsereiner nur denken wie er muss.")  Man sollte versuchen, das zu durchschauen und sich nicht scheuen, Meinungen und Ansichten, die sich als falsch erwiesen haben, fallen zu lassen. Wie schwer das ist, sehe ich an mir selber. Evangelisch getauft, stehe ich heute allen Kirchen und Religionen mehr als nur sehr fern, Aber ich bin in meiner Kindheit stark antikatholisch geprägt worden, dass es mir manchmal so geht wie einer Katze, deren Fell sich unwillkürlich sträubt, wenn sie einen Hund sieht. Doch ob Prägung oder nicht, mehr Verstand und  Urteilsvermögen als das Gänschen, das hinter einem alten Schuh herläuft, sollte man schon haben und falsche Ansichten sollte man fallen lassen. Doch leider gleichen fast alle  Frommen und von sich selbst überzeugten Menschen dem Gänschen. Diesbezüglich äußerte sich Adenauer mit der ihm eigenen Souveränität: „Was kümmert mich mein Geschwätz von Gestern!“

"Die Gedanken sind frei ---" heißt es in einem schönen, alten Lied. Schön wär's, wenn es denn stimmte!  Wie ich oben ausgeführt habe, sieht die Wirklichkeit leider anders aus. Prinzipiell kann sich menschliches Denken in jede Richtung bewegen; es ist gewissermaßen dreidimensional  Die "Kunst" jeder erfolgreichen Religion oder Ideologie besteht darin, dass es gelingt, die Freiheit des Denkens zu tunneln, d.h. eindimensional in die gewünschte Richtung zu lenken und sie gleichzeitig von allen unerwünschten Einflüssen fern zu halten. Immerhin hat man in diesem Tunnel in den Grenzen der vorgegebenen Richtung noch eine gewisse Bewegungsfreiheit. Fundamentalisten jedweder Couleur gewähren den Menschen selbst diese eingeschränkte Bewegungsfreiheit nicht und zwängen sie in ihre enge Ideologieröhre. Bei diesem Bemühen haben Islamisten saudisch-wahhabitischer Prägung oder ultraorthodoxe Juden und Christen die Grenzen zum Irrsinn bereits deutlich überschritten. Doch wie man sieht, kann auch Irrsinn erfolgreich sein.

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